08.04.2015

Marktstraße 22, Ravensburg

Ein Stück  Stadtgeschichte - In Ravensburg erwacht ein mittelalterliches Haus mit neuem Museumsleben in historischen Mauern

(--> zum Orignial-Artikel als pdf)

Ravensburg besitzt mit dem Humpis-Quartier eines der besterhaltenen mittelalterlichen Stadtquartiere in ganz Deutschland. Mittendrin in diesem Ensemble, gleich unterhalb der Stadtsymbole Obertor und Mehlsack, hat Architekt Oliver Lutz vom Büro der ortsansässigen MLW-Architekten das geschichtsträchtige Haus der ehemaligen Oberamtssparkasse saniert. Eine große Stadtwohnung unterm Dach sowie das neue Wirtschaftsmuseum finden jetzt hier nahe dem Stadtzentrum ihren Platz. Einen passenderen Ort hätte man für das neue Museum als Spiegel der regionalen Wirtschaft wohl nicht finden können. Denn nicht nur die Oberamtssparkasse, die heutige Kreissparkasse, deren Stiftung Träger des Wirtschaftsmuseums ist, auch eine weitere Säule der städtischen Wirtschaft hatte das Gebäude lange Jahre genutzt: der Otto Maier Verlag, bekannt durch die Ravensburger Spiele hatte bis zum Umzug auf das neue Firmengelände im Gebäude Büros untergebracht. „Vor rund zehn Jahren wurde mit der Neuentwicklung des Areals begonnen“, erläutert der stadtkundige Architekt den Start mit neuen Ideen im mittelalterlich geprägten Quartier und das Ende einer langen Zeit des Stillstandes rund um das einst von der angesehenen Familie Humpis aufgebauten Quartiers. Erste Gebäudeteile ließen sich so auch im Zuge der Sanierung und einer gründlichen bauhistorischen Dokumentation auf das 14. Jahrhundert zurückführen. Klar, dass das Haus unter dem Leerstand gelitten und dringend auf den Beginn der Sanierung gewartet habe, schildert Architekt Lutz seine Eindrücke des ersten Rundgangs durchs Gebäude. Im damals noch überbauten Hinterhof seien Druckmaschinen des Ravensburger Verlags gestanden, in einem Regal unterm Dach habe man sogar noch handgemalte Prototypen von Kartenspielen entdeckt. Diese haben jetzt sicherlich ihren Platz im Firmenarchiv gefunden. Oder sogar im nebenan beheimateten Spielemuseum. Den planerischen Ansatz der Sanierung beschreibt Lutz mit der Wiederherstellung der Qualität dieses innerstädtischen Wohnareals, auf der einen Seite mit einer Werte erhaltenden Sanierung der historischen Bausubstanz, auf der anderen Seite durch neue bauliche  Akzente. Ein solcher ist das neue Kunstmuseum der Stadt Ravensburg, ein weiterer ist ein modernes Wohngebäude, das die MLW-Architekten angrenzend ans Museum gebaut haben. Alle gemeinsam haben den neuen Innenhof, unter dem insgesamt über 120 Stellplätze in einer  Tiefgarage entstanden sind. Sorgenkind der Sanierung war das Dach und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Räumliche Änderungen im Zuge mehrfacher Umbauten über die Jahre hinweg hatte die Statik der mächtigen Holzbalkenkonstruktion arg in Mitleidenschaft gezogen. Tragende Balken hatten sich um gut einen halben Meter durchgebogen, man sieht das heute noch. „Um das Dach aber bewohnbar zu machen, mussten wir ein komplett neues statisches Tragsystem entwickeln“, erläutert Oliver Lutz den Einbau eines Stahlfachwerks, das die komplette Traglast auf die stabilen Außenwände verlagert. Die historischen Holzbalken sind zwar noch an gewohnter Stelle zu sehen, doch besitzen sie jetzt keinerlei tragende Funktion mehr. Mit dieser Variante habe man sogar den Denkmalschutz auf seine Seite bekommen, der ursprünglich von einer Wohnnutzung des Dachgeschosses nichts habe wissen wollen. Und das wäre angesichts des ausgebauten Daches modernen Zuschnitts mit rund 260 Quadratmeter Wohnfläche auf zwei Etagen wirklich schade gewesen. Mit stilecht und wertig beschreibt der Hausbesitzer, ein Nachfahre der Verlags-Gründerfamilie, die Vorgaben zur Sanierung an seinen Architekten Oliver Lutz. Dass aus dieser Zusammenarbeit gute Ergebnisse resultieren, das haben Bauherr und Architekt bereits am historischen Sanierungsprojekt einer Villa in Langenargen am Seeufer bewiesen, über die ENTREE in seiner Ausgabe 2009 berichtet hatte. Auch beim neuen Projekt in Ravensburg sollte also möglichst viel Erhaltenswertes sichtbar und auch funktionstüchtig bleiben. Bestes Beispiel dafür ist der repräsentative, barocke Treppenaufgang mit seinen herrlich knarrenden Stufen aus Eichenholz, ausladend breit mit seinem mächtigen, geschnitzten Geländer. Die stilvolle Kombination von alt und neu bringt Spannung ins historische Ambiente des Gebäudes. Oben in der Wohnung ist es die Treppe, die mit moderner Stahlkonstruktion und auf alten Holzstufen unters Dach führt, im Hauseingang ist es der zum Teil ergänzte Terrazzo-Fußboden in handwerklich perfekter Ausführung der begeistert. Zudem wurden zahlreiche Türen und Beschläge, gefunden in einer Dachkammer, aufgearbeitet und wieder eingebaut. Doch bei aller historischer Verbundenheit, ohne moderne Bautechnik geht auch in diesem Gebäude nichts. Ein Wärmedämmputz macht die Außenfassade tauglich für aktuelle Energiemaßstäbe, eine kontrollierte Lüftung sorgt in der Dachwohnung für gutes Klima. „Wir haben das Haus nach modernem energetischen Standard auch ökologisch saniert“, betont Lutz ein ganzes Bündel an energetischen Sanierungsmaßnahmen.Alt und neu ergänzen sich aber in diesem Projekt noch auf eine ganz andere Weise. Mit dem Einzug des Wirtschaftsmuseums ergab sich die baurechtliche Situation eines öffentlich genutzten Gebäudes, für das ganz besondere Sicherheitsanforderungen gelten. Beispielsweise ist dadurch ein barrierefreier Zugang zu allen Etagen erforderlich, das heißt ein Aufzug musste her. Da im Haus selbst dafür kein Platz war, musste der gleichzeitig entstehende Nachbarbau zur Verfügung stehen. Hier entstand nicht nur der erforderliche Lift, sondern auch ein neues Treppenhaus, das als weiterer Fluchtweg dient. Und da sag nochmal jemand, alt und neu würden nicht zueinander passen. Man muss es eben nur mit architektonischem Sachverstand und fundiertem Wissen angehen. (Quelle: www.entree-online.net)

mlw architekten morent | lutz | winterkorn GbR
Gartenstraße 14
88212 Ravensburg
Tel.: +49 751 355599-0
Fax: +49 751 355599-99
E-Mail: mlw@architekturravensburg.de
Web: www.architekturravensburg.de