04.05.2018

Das Familienzentrum „Momos Welt“ in der Domäne Hochberg wird am Samstag eröffnet

 In der Integration kann eine Heimat wachsen

Von Maria Anna Blöchinger

RAVENSBURG - Lebhaft und herzlich ist die Stimmung in „Momos Welt“ am Freitagnachmittag. Acht Frauen haben sich um einen großen Tisch versammelt. Der Cafétreff mit Kinderbetreuung, den freitags vor allem türkisch-kurdische Frauen besuchen, ist einer von acht amtlich und ehrenamtlich geleiteten wöchentlichen Angeboten des Familienzentrums, das am 5. Mai seine Eröffnung feiert.                                                         Gerade kommt eine ganze Familie an. In der großen offenen Küche steht Sebiha Ildes und freut sich über den Zustrom. Pastoralreferentin Angelika Böhm wiegt einen Säugling im Arm. „Anschelika!“, rufen Kinder. Michael Denda leitet das integrative Zentrum, an das eine Kindertagesstätte angeschlossen ist. Es befindet sich im Quartier Domäne Hochberg, in dem vor allem Menschen mit Migrationshintergrund leben. Etwa 65 Prozent der rund 1500 Bewohner stammen aus Russland, der Ukraine, dem früheren Jugoslawien oder aus der Türkei.       Das interkulturelle Familienzentrum Momos Welt hat sich seit dem Jahr 2006 aus einem Nachbarschaftstreff entwickelt. Die Idee zur Namensgebung hatte Pfarrer Reinhold Hübschle. Anfangs war es ein Projekt der Katholischen Kirchengemeinde Zur Heiligsten Dreifaltigkeit, heute wird es von der Katholischen Gesamtkirchengemeinde in Kooperation mit der Dreifaltigkeitsgemeinde getragen. „Das Projekt will beheimatend wirken, indem es an einem stabilen Ort verlässliche Beziehungen anbietet“, sagt Pastoralreferentin Böhm. Sprachförderungen unterstützen die Integration. „Wir sind stolz darauf, wie sich das entwickelt hat“, hebt der hauptverantwortliche Michael Denda hervor.                                          

Heilige Schriften aller Buchreligionen

An einer Wand im Flur hängt ein sensibel gestaltetes Holzkreuz. Der ehrenamtliche Leiter Elmar Blumer öffnet die Tür zum Raum der Stille, der als interreligiöser Gebetsraum gestaltet ist. In einer Vitrine befinden sich die heiligen Schriften aller Buchreligionen. In einer runden Schale stecken lange, Russisch-orthodoxe Kerzen. Neben dem Gebetsraum geht es zur Bücherei. Heute macht die 15-jährige Berfin Dienst. Auf ihrem Schreibtisch liegt Michael Endes „Momo“ auf russisch. Viele Bücher hier sind zweisprachig. „So habe ich selber Deutsch gelernt“, sagt Berfin. An drei Nachmittagen bieten pensionierte Lehrerinnen Sprachförderung an. Elmar Blumer erzählt von einem Theaterprojekt, das die Baden-Württemberg-Stiftung finanziert: „Etwa 30 Kinder üben mit der Theaterpädagogin Katrin Schneckenburger ein Stück zur Eröffnungsfeier am 5. Mai ein.“ Unter Leitung von Heilerziehungspflegerin Meltem Terkivatan spielen türkische, kurdische, syrische und irakische Kinder und Jugendliche gerade Tischtennis oder Tischfußball. Wenn das Wetter es erlaubt, ist auch draußen viel Raum zum Toben und Spielen. Pastoralreferentin Böhm schwärmt vom wöchentlichen Frühstückstreff, bei dem neben türkischen, kurdischen auch russische, ukrainische, bulgarische und griechische Kulturen zusammenkommen. „Häufig sind die Menschen kulturell entwurzelt. Sich gegenseitig wahrzunehmen und auch nur ab und zu ein Wort zu wechseln, löst Ängste und fördert die religiöse Toleranz“, betont sie. Manchmal werde sie gefragt: „Was tun Sie denn da? Das sind doch keine Katholischen!“ Ihre Aufgabe als geistliche Begleiterin sei vor allem Zuhören und Zeit haben. Mittlerweile habe sie das Vertrauen der Frauen, die von familiären Sorgen erzählen und oft praktische Fragen haben, nach einem Arzt oder der richtigen Schule für ein Kind. „Momos Welt“ wird durch den Landkreis, die Stadt und die Katholische Gesamtkirchengemeinde Ravensburg, die Kirchengemeinde Zur Heiligsten Dreifaltigkeit und durch Spenden finanziert.

Nachgefragt

● Wie Momos Welt wirkt

 RAVENSBURG - Das Quartier um die Domäne Hochberg ist ein Wohngebiet, in dem vor allem Menschen mit Migrationshintergrund leben. Es gibt hier aber auch nationalistisch gesinnte Menschen. Die Pastoralreferentin Angelika Böhm hat seit zehn Jahren das integrative Familienzentrum Momos Welt mit aufgebaut. SZ-Mitarbeiterin Maria Anna Blöchinger hat mit ihr und Leiter Michael Denda gesprochen. Herr Denda, wie politisch ist eigentlich „Momos Welt“? Michael Denda: Der Name Momos Welt bedeutet menschenfreundlich (M), originell (o), multikulturell (m), offen (o). Diese Namensgebung lässt nicht nur ein christliches Wertesystem erkennen, sondern auch eine politische Grundhaltung. Woher kommt diese Einstellung? Michael Denda: Sie fußt auf dem Grundgesetz (Art 3, Absatz 3) der Bundesrepublik Deutschland: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Dieses christlich humanistische Menschenbild ist die Basis in unserer täglichen Arbeit in einem krisenbehafteten Stadtteil und bedeutet für mich als Gesamtleitung, beruflich und persönlich Wege aufzuzeigen, um frei und solidarisch handeln zu können. Frau Böhm, was bedeutet „Momos Welt“ in der Domäne Hochberg kirchenpolitisch? Angelika Böhm: Als Christinnen und Christen sind wir der Ethik des Jesus von Nazareth und seinen Ideen von Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit verpflichtet. Das bedeutet, dass wir in „Momos Welt“ allen Menschen mit einer Haltung der Offenheit und der Wertschätzung begegnen – egal welche Konfession, Religion oder Weltanschauung sie haben oder welcher Kultur sie angehören. Schon vor zehn Jahren hat die Kirchengemeinde Dreifaltigkeit beschlossen, nicht nur darauf zu warten, bis die Menschen in der Ravensburger Weststadt zu uns kommen, sondern dass wir dahin gehen, wo Menschen leben, die eher nicht zu uns kommen. Deshalb will das Café in „Momos Welt“ ein einladender Ort für alle Bürgerinnen und Bürger in der Weststadt sein. So übernehmen wir Verantwortung für das Zusammenleben der Menschen hier.

 

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(Quelle:© 2018 Schwäbische Zeitung, Lokalausgabe Ravensburg)

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