28.10.2017

ERFOLGREICHE SANIERUNG „ Evangelische Stadtkirche Ravensburg “

Der erste aktuelle Sanierungsabschnitt der Evangelischen Stadtkirche Ravensburg ist nun erfolgreich fertiggestellt.

VON ROSA LANER

RAVENSBURG - Die Evangelische Stadtkirche prägt seit über sechs Jahrhunderten das Stadtbild Ravensburgs. Nach langen Vorplanungen wurden nun umfangreiche Sanierungsarbeiten durchgeführt.„Zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation schließen wir den ersten Bauabschnitt erfolgreich ab“, freut sich Pfarrer Martin Henzler-Hermann von der Stadtkirchengemeinde.

Festgottesdienst 31. Oktober Anlässlich des 500. Jubiläums ist der Reformationstag am Dienstag, 31. Oktober, in diesem Jahr ein Feiertag. Um 10 Uhr findet ein Festgottesdienst statt. Anschließend wird der neu gestaltete Vorplatz eingeweiht. Gepflanzt werden drei Hainbuchen, eine davon wird als Luther-Baum ausgezeichnet. Auch in den Partnergemeinden Montelimar und Rivoli wurden bereits Luther-Bäume gepflanzt. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt im Rahmen der Aktion „Luthergarten Wittenberg“.

Pfarrer Martin Henzler-Hermann sagt: „Wir freuen uns über das super Ergebnis. Ich werde von vielen Leuten angesprochen, wie schön die Kirche jetzt ist und wie gelungen der Landgerichtsgang. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv.“ Der Landgerichtsgang ist der neu gestaltete Zugang zur Stadtkirche vom Marienplatz aus, gelungen integriert wurden eine Teeküche und der Sanitärbereich. Es war eine geniale Idee der Architekten, das WC nach unten zu legen. Ein Fenster am Ende des Ganges zeigt Reste von Wappendarstellungen des Glasmalers Ludwig Mittermaier, der bei der neugotischen Umgestaltung der Kirche von 1859 bis 1862 auch die bekannten Reformatorenfenster im südlichen Seitenschiff gestaltet hat.

Das Dach war entschieden maroder als zunächst angenommen und es verursachte immense Kosten von 750 000 Euro. „Deshalb gibt es jetzt erst einmal eine Verschnaufpause bis zum nächsten Bauabschnitt“, so Pfarrer Martin Henzler-Hermann. Da der Erhalt der Stadtkirche die finanziellen Mittel der Stadtkirchengemeinde übersteigt, sind weitere Spendengelder nötig.

„Die Idee hat sich bewahrheitet“, erklärt er weiter, „dass wenn man Steine saniert, dies auch etwas mit der Gemeinde macht. Das bisher hohe Spendenaufkommen, ein Fundraising, ein starkes Engagement,all dies zeigt, dass, wenn äußerlich etwas passiert, es auch innerlich wirkt.“

Wenn er durch den Landgerichtsgang und durch die Stadtkirche führt, versprüht er wahre Begeisterung. „Erbaut wurde die Stadtkirche 1349, damals in den Flächenmaßen des jetzigen Chores. In den Ausmaßen, wie die Kirche jetzt dasteht, ist sie erst seit 1450. Das heutige Landgericht war ein Karmeliterkloster. Die Karmeliter, der mystische Zweig der Bettelordensbewegung,

suchten Gotteserfahrung in bewusster Demut.“ Dies zeigt sich auch im Kirchenraum.„Das Mystische und Geheimnislassende ist hier erlebbar.“ Zum Landgerichtsgang sagt Pfarrer Martin Henzler-Hermann: „Während der Arbeiten entdeckte Bauforscher Lung, dass die Gesellschaftskapelle in einen ersten Kreuzgang des Klosters hineingebaut wurde. In der modernen Gestaltung des Landgerichtsgangs bleibt die Baugeschichte ablesbar.“

Als 2013 vom Bauherrn, der Evangelischen Stadtkirchengemeinde, ein Architektenwettbewerb zur Sanierung der Evangelischen Stadtkirche Ravensburg ausgeschrieben wurde, hat das Konzept der mlw-architekten aus Ravensburg überzeugt.

RAVENSBURG - Über das eindrucksvolle Ergebnis der Sanierungsarbeiten beantwortet Dipl. Ing. Oliver Lutz von mlw einige Fragen.

Welche Sanierungsthemen standen an?

Wichtige Themen waren eine Erweiterung mit barrierefreiem Eingang, der Einbau von Toiletten, die Sanierung von außen, Beleuchtung, Akustik. Wir konnten trotz der Erweiterung die Kirche in ihrer monumentalen Form komplett bewahren, ohne einen Zusatzbau hinzufügen zu müssen.

Was hat dieser Bauabschnitt im Wesentlichen beinhaltet?Die Neugestaltung des Landgerichtsganges, die Fassade der Kirche mit Putz, Natursteinrestaurierung, Restaurierung des Daches, einfach alle Arbeiten, die das Gebäude sicher vor Regen und Feuchtigkeit machen. Der südliche Eingangsbereich wurde barrierefrei gestaltet und mehr in den Stadtraum integriert. Dahinter steht der Gedanke, Kirche sichtbar und erlebbar zu machen. Durch eine neue Außenanlage erreichen wir eine Verlängerung vom Marienplatz, die Kirche ist sichtbarer geworden. Die Kirche hat ja auch eine städtebauliche Aufgabe, sie ist ein Platz der Gemeinde und soll Nähe vermitteln.

Wie lange dauerten die Arbeiten?

Planungsbeginn war Ende 2013. Im April 2016 wurde nach langen Vorplanungen der Kran aufgebaut. Ursprünglich geplant war eine Komplettsanierung. Diese wurde dann in mehrere Bauabschnitte unterteilt.

Wie hoch sind die Kosten?

Der derzeitige Kostenstand liegt bei 3,4 Mio. Euro. Alleine die Sanierung des Chordaches verursachte hohe Mehrkosten, diese muss die Gemeinde stemmen. Es war sehr speziell, alles musste in Handarbeit gemacht werden. Nötig war ein großes Gerüst im abgetrennten Chorbereich.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Beteiligten?

Zugrunde lag bei allen Arbeiten die Abstimmung mit den Restauratoren und der Denkmalpflege. Hierbei stehen immer Reparatur und Erhalt im Vordergrund. Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt hat sehr gut funktioniert. Ebenso die Zusammenarbeit mit den Handwerkern, alle haben voll mitgezogen. Die eingebundenen Handwerksbetriebe waren fast alle aus der Region, ausgenommen der Natursteinrestaurator aus dem Schwarzwald und der Glasrestaurator aus Stuttgart. Zwei mittelalterliche Fenster wurden im ersten Bauabschnitt restauriert. Die Restaurierung der Reformatorenfenster im südlichen Seitenschiff wurde in einem Projekt des Landesdenkmalamtes untersucht und die Fenster sind derzeit in einer Ausstellung in der Stadtkirche ausgestellt. Die Zusammenarbeit mit der Projektgruppe der Stadtkirchengemeinde war hervorragend. Wir haben hier sehr viel Unterstützung bekommen und es war in den Entscheidungen ein sehr gutes Miteinander.

Gab es für Sie besondere Herausforderungen?

Vielleicht, alles unter einen Hut zu bringen. Denkmalpflege, Kosten, Artenschutz, die beengten Bauverhältnisse und dadurch viele logistische Herausforderungen. Zunächst erfolgte die Langhausdachsanierung. In dieser Zeit haben im Dach des Chores geschützte Vogelarten gebrütet und wir haben uns erst danach an die Sanierung dieses Teiles gemacht. Zutage getreten sind massive Schäden am Dachgebälk des Chors, bis hin zum Hausschwamm. Dies erforderte extrem aufwändige Maßnahmen und zusätzliche Kosten. Nun können wir das Dach in die nächsten Hundert Jahre schicken.

Wurde Historie lebendig?

Wir sind im Landgerichtsgang auf Bereiche gestoßen aus dem Jahr 1349. Es ist bewegend, dass wir als Architekten in solchen Bereichen arbeiten können. Das erklärt die Einfachheit der Kirche, die trotzdem monumental ist. Im 15. Jahrhundert kam eine Kapelle dazu mit neuem Zugang. Die Gesellschaftskapelle wurde damals von der Ravensburger Gesellschaft ausgebaut. Öffnungen wurden im Laufe der Jahre mehrfach geändert und sind nun in freigelegten Bereichen als Blick in die Geschichte erlebbar gemacht. Renoviert wurde im 14., im 15. und dann wieder im 19. Jahrhundert. Jetzt werden die Renovierungsabschnitte kürzer, denn Ansprüche und auch der Verfall durch Umwelteinflüsse nehmen zu. Vor der Kirche haben wir einen Zierpfeiler so belassen, um sichtbar zu machen, was passiert. Wenn man Teil dieser Geschichte ist, Veränderungen vornehmen darf und nicht „nur“ restauriert, das ist schon etwas Besonderes. Dazu hat man als Architekt nur selten Gelegenheit und es ist eines meiner beruflichen Highlights.

 

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(Quelle:© 2017 Schwäbisch Media Digital GmbH & Co. KG)

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